Wort Gottes und Geschäft

oder: Ist die Bibel das Buch aller Welt?

von Stefan Felber erschienen in: „dr Güggel“: Mitteilungsblatt für den Kirchgemeindekreis Riehen-Dorf, März/April 2006, S. 2-4

Es ist atemberaubend, mit welcher Geschwindigkeit in den letzten Jahren immer neue Bibelübersetzungen auf den Markt geworfen werden. Konnte das „NT ‘68“ bzw. seit den 70er Jahren die „Gute Nachricht“ viele Käufer und Leser finden, so erwuchs ihr mit der „Hoffnung für alle“ (NT 1983, AT 1996, NT rev. 2002) eine immer mächtigere Konkurrenz.

Doch auch andere Verlage schliefen nicht. Allein in den letzten fünf Jahren erschien eine ganze Reihe neuer Übersetzungen: „Neue Genfer Übersetzung“ (seit 2000), „Neues Leben“ (2002), „Neue evangelistische Übertragung“ (2003), und zuletzt die „Volxbibel“ (Dez. 2005), die auch in den säkularen Medien auf sich aufmerksam macht. Diesen allen ist der Anspruch gemeinsam, die Botschaft der Bibel treu wiederzugeben, sich allerdings einer zeitgemäßen Sprache zu bedienen. Sie wollen das Bibelwort so formen, daß jeder unnötige Anstoß für den suchenden Zeitgenossen eliminiert wird. Immer begreift man dabei die menschliche Sprache als schlichten Informationskanal, der sich so eng an die Absichten der Übersetzer anschmiegt, daß nichts oder nur ein Minimum verloren geht. Doch ist Sprache nur das? Gerade Deutschschweizer wissen, daß sie viel mehr ist. Dialekt gibt Identität und Gemeinschaft in einem umfriedeten Bereich. Sprache grenzt ab und führt nicht nur zusammen! (Hierzu: George Steiner, Nach Babel. Aspekte der Sprache und Übersetzung, Suhrkamp Verlag.)

Manche neuere Bibelübersetzung ist von modernen linguistischen Theorien geleitet, die sich kaum je von solchen Überlegungen der Sprachphilosophie berühren ließ. Es geht ihnen um einen raschen, unmittelbaren Effekt. In einem ins Englische „radikal neu“ übersetzten Neuen Testament ist im Vorwort die Rede von der „instant comprehension“, dem sofortigen Verstehen („As good as new: a radical retelling of scriptures“ von John Henson). „Instant“: es muß schnell gehen. Die Sätze müssen kurz sein, Mißverständnisse müssen ausgeschaltet, Stolpersteine beseitigt werden. Man hat ja keine Zeit! Und längst betrifft das Beseitigen nicht nur unverständliche, sondern auch unangenehme Dinge. Der Mensch will in seinem religiösen Suchen und Tun nicht passiv sein, sondern aktiv mittun, er will sich sein Gottesbild selbst gestalten und sucht passende Bausteine dazu.

Eine ehrliche Bibelübersetzung tut nicht so, als wäre sie ein neues Original aus zeitgemäß verwertbaren Bausteinen, sondern mutet Geschichtlichkeit, Andersheit zu. Der Kirchenrat der reformierten Zürcher Landeskirche im Geleitwort zur Revidierten Zürcher Übersetzung: „Allen gegenwärtigen Versuchen, sie (die Bibel) dem modernen Geschmack anzupassen, sei hier der Versuch entgegengehalten, die heilsame Fremdheit der Bibel unangetastet zu lassen.“ Hier kommt neben der Informationsvermittlung und der Umfriedung einer sozialen Gemeinschaft (die in der Volxbibel mit ihrer Verallgemeinerung einer eng begrenzten Gossen- und Jugendsprache gefährdet wird) eine dritte Funktion von Sprache ans Licht: Sie kann Möglichkeiten und Dimensionen öffnen, die zuvor noch nicht da waren. Denn Sprache kennt – welch ein Phänomen! – Futur und Konjunktiv: es wird, es werde, man könnte, sollte, man darf … Durch Sprache haben wir die Kraft zur Reform, zum Ändern, zum Neuwerden und Einreißen.

Welch ein Gegensatz zu den modernen Bibeln. Sie schauen nicht nur, wie sie mit naiven und in der Forschung längst widerlegten Luther-Zitaten meinen, den Leuten aufs Maul, nein, sie reden ihnen nach dem Mund und nach dem Herzen. Der Graben zwischen beidem ist schlechterdings unüberbrückbar und zeigt sich, wenn man die einschlägigen Übersetzungen vergleicht. Ein Sünder ist eben nicht einfach ein „Dreckskerl“. Damit wird sich ein gut bürgerlicher Mensch nie identifizieren, obwohl er wahrhaft Sünder ist. Wird, wer einen solchen Sündenbegriff kennenlernt, zur Freude des Evangeliums geführt werden? Und kann man die Auferstehung Jesu unter die (das Lesen leitende!) Überschrift eines „fetten Comebacks“ stellen? Kann man die Wortereignisformel bei den alttestamentlichen Propheten („Das Wort des Herrn geschah zu…“) einfach durch ein „Gott sprach zu…“ ersetzen? Die Bibel spricht häufig, respektvoll andeutend, vom Namen Gottes, der in einigen Bibeln recht glatt durch Gott ersetzt wird. Die Beispiele könnten ungezählt fortgeführt werden (siehe die Lektürehinweise unten). In meiner Wahrnehmung ist das Gravierendste, daß man mit einer sogenannt missionarischen Absicht versucht, der selbstbestimmten Glaubensvorstellung des modernen Menschen entgegenzukommen und so die Rechtfertigung sola gratia unter die Räder des Marktes der Bibelübersetzungen kommt. Bibelworte werden so angepaßt, daß sie den Menschen beim Seligwerden mitwirken lassen. Aus den von Gott Geliebten (Ps 127) werden die, die Gott lieben; oder aus dem Ineinander von Liebe zu Gott und Liebe von Gott wird ein Nacheinander, ein Wenn-dann: „Wer aber Gott liebt, dem wendet sich Gott in Liebe zu“ statt „Wenn aber jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt“ (1.Kor 8,3).

Rasch kann man diese Übersetzungen lesen – und das verstehen, was die Übersetzer verstanden haben und zu verstehen geben. Eine wachsende Leserschar vertraut sich ihnen an: Die Übersetzer werden es schon gut gemeint und recht gemacht haben. Die Gemeinsamkeit, die im deutschsprachigen evangelischen Raum durch die Lutherbibel gegeben war, verschwindet in einer „Hektik schnell vermarktbarer Bibelübersetzungen“ (Gerhard Krause, Herausgeber der Theologischen Realenzyklopädie, schon 1981). In der großen und gefährlichen Naivität, mit der man den Übersetzern vertraut, wird scheinbar der teure Theologe in der eigenen Gemeinde überflüssig. Noch sind wir nicht dort angekommen, aber am Ende des Weges steht eine Religion ohne Theologie, eine Gemeinde ohne Pfarrer, dafür mit Coach und Persönlichkeitstrainer, ein Glaube ohne Denken, eine Verdrängung alles Fremden und nicht Mediengerechten, ein individueller Christ mit zielgruppengerechter Bibel und eigenem Verstehen.

In dem nun schon jahrzehntelangen Prozeß des Mühens um moderne Bibelübersetzungen hat die Gestaltungsmacht des christlichen Glaubens für die Gesellschaft ab- und nicht zugenommen. Man hat ihr die Fremdheit nicht mehr zugemutet, sondern zurückgenommen und ihr leicht Verdauliches angeboten. Sie hat es genommen und wieder ausgeschieden. Und wohl mehr als man „draußen“ gewonnen hat, hat man „drinnen“ verloren. Die Bibel ist nicht das Buch aller Welt, und nach ihrem eigenen Anspruch darf nicht, wie beim „open source“-Projekt „Volxbibel“, alle Welt daran mitschreiben. Sie ist, wie Luther schrieb und die Reformatoren ökumenisch voraussetzen konnten, das Buch, von Gott, dem Heiligen Geist, der Kirche gegeben. Und die Kirche soll „nicht mit dem Wort Gottes Geschäfte machen, sondern wie man aus Lauterkeit und aus Gott reden muß, so reden wir vor Gott in Christus“ (2.Kor 2,17).

Stefan Felber www.bibeluebersetzungen.ch

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